Erdogans Tanz mit den Teufeln

Recep Tayyip Erdogans Kontakte zu  Terrororganisationen sind altbekannt. Bisher wurde vom Rest Europas dazu  geschwiegen. Nun sind durch eine peinliche Panne in Berlin bekannt geworden, dass die Regierung die Türkei „zur zentralen Aktionsplattform für islamistische Gruppierungen der ­Region des Nahen und Mittleren Ostens“ hält.

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Recep Tayyip Erdogan paktiert bisweilen mit zwielichtigen Gruppen.

Eine peinliche Panne in Berlin

Recep Tayyip Erdogan  tanzt mit dem Teufel. Der gefährliche Flirt des ­türkischen Präsidenten mit gleich mehreren Terroristengruppen kann auf Dauer nicht gut gehen. Diese Einschätzung scheint auch die deutsche Bundesregierung zu teilen. Das geht aus einem vertraulichen Papier hervor, das überraschend an die Öffentlichkeit gelangt ist. Erstaunlich  ist weniger der Inhalt. Peinlicher ist, dass es offenbar schwere Abstimmungsprobleme zwischen den Berliner Ministerien gibt und die brisanten Geheimdokumente nicht ­lange geheim geblieben sind.

Die Türkei spielt eine zentrale Rolle

Nun weiß also die Welt,  dass auch der Bundesregierung nicht entgangen ist, dass die Türkei „zur zentralen Aktionsplattform für islamistische Gruppierungen der ­Region des Nahen und Mittleren Ostens“ geworden ist. Allerdings hat nicht nur Berlin  verbissen zu dieser Tatsache geschwiegen. Das kann man verurteilen, für die Zurückhaltung  gibt es aber auch  gute Gründe. Zum einen spielt die Türkei als  Nachbar ­Syriens, Nato-Partner und Hauptaufnahmeland für Flüchtlinge eine entscheidende Rolle. Zum anderen hoffte der Westen  nicht zu Unrecht, durch die engen Verbindungen der Türkei zu den Terroristen an wichtige Informationen im Kampf gegen die Islamisten gelangen zu können.  Im Fall der palästinensischen Hamas war man ­zudem über einen Kommunikationskanal zu der als Terrororganisation eingestuften Gruppe sicher nicht  unglücklich. Sie spielt eine zentrale Rolle im Friedensprozess mit Israel. Die Proteste fielen deshalb sehr ­moderat aus, als die Hamas vor zwei Jahren sogar ihr Parteibüro aus dem umkämpften Damaskus nach Istanbul verlegte.

Selbstüberschätzung und Machtpolitik

Die gefährliche Nähe Erdogans zu den Terrorgruppen speist sich aus einer ­Mischung aus Selbstüberschätzung und rücksichtsloser Machtpolitik. Glaubte der Präsident wirklich, die Kämpfer des Islamischen Staates (IS) hätten sich in dieser hochexplosiven Situation in der Türkei ewig ruhig verhalten? Der Deal zwischen Erdogan und dem IS war ein offenes Geheimnis: Die Islamisten bekämpfen in Syrien die Kurden und benutzen im Gegenzug die Türkei als Rückzugsraum und Waffenkorridor. Erdogan  hoffte,  unter anderem so die Autonomiebestrebungen der Kurden im eigenen Land unter Kontrolle halten zu können. Ihren zynischen Höhepunkt erreichte diese Taktik, als der IS die kurdisch-syrische Grenzstadt Kobane Ende 2014 einnahm und die türkische Armee untätig dem Abschlachten der Menschen zusah.

Viele Gegner im eigenen Land

Doch Erdogans perfide Rechnung ging nicht auf, und plötzlich hat er es mit zwei Gegnern im eigenen Land zu tun. Inzwischen reißen Terroristen des IS und der Kurden bei Anschlägen immer wieder zahlreiche Menschen in den Tod. Zwar schwört der Staatschef nach jedem Attentat Rache, doch seine Hilflosigkeit  ist augenscheinlich – und könnte zu einem existenziellen Problem für ihn werden. Seine Popularität nährt sich  vor allem aus dem ökonomischen Aufschwung der Türkei in den vergangenen Jahren. Wegen der Terroranschläge und des autoritären Regierungsstils Erdogans meiden aber immer mehr Investoren das Land, und die Wirtschaft gerät ins Trudeln.

Russland soll es richten

Der Staatschef sucht nun nach einem Ausweg. Seine Verzweiflung lässt sich daran ermessen, dass er sich wieder Russland andient, das er die vergangenen Monate bei jeder Gelegenheit verteufelte. Urlaubshungrige Russen sollen die am Boden ­liegende Tourismusindustrie in Schwung bringen. Da ist es zweitrangig, dass der Kreml den syrischen Diktator Baschar ­al-Assad an die Macht zurückbombt, den Erdogan mit der Unterstützung des IS eigentlich vernichten wollte. Der türkische Präsident zeigt sich gewohnt flexibel und rücksichtslos, wenn es darum geht, seine Ziele zu verfolgen. Eine wichtige Lehre hat er aus seinen Misserfolgen wohl  nicht gezogen: Wer mit dem  Teufel tanzt, kann sich  lebensgefährliche Verbrennungen zuziehen.

Europa bleibt das Ziel der Flüchtlinge

Mehr als 260 000 Flüchtlinge und andere Migranten sind nach Schätzungen der Internationalen Organisation für Migration bislang in diesem Jahr über das Mittelmeer nach Europa gelangt. Mehr als 3100 seien bei dem Versuch ums Leben gekommen, erklärte die IOM.

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Mehr als 3000 Ertrunkene

Zwischen dem 1. Januar und dem 7. August sind demnach 263 636 Menschen über das Meer angelangt. 160 888 seien in Griechenland angekommen, 100 244 in Italien. Im vergangenen Jahr waren es bis Ende August insgesamt 354 618 Menschen. Die Zahl der im Mittelmeer ums Leben Gekommenen oder Vermissten lag mit 3176 in der Zeit vom 1. Januar bis 7. August höher als in den ersten acht Monaten 2015, damals wurden 2754 Tote registriert. Mehr als 2700 dieser Fälle entfielen in diesem Jahr auf die gefährliche Route zwischen Nordafrika und Italien. Hier gibt es mehr Zahlen der IOM zur Migration.

Griechenland will mehr Wohnungen

Griechenland will die im Land festsitzenden Flüchtlinge verstärkt in Wohnungen unterbringen. Vizeverteidigungsminister Dimitris Vitsas erklärte am Dienstag, die Regierung wolle viele der staatlichen Flüchtlingslager auf dem Festland schließen oder die Lebensbedingungen dort verbessern. Weniger als 7000 der 57 000 Flüchtlinge in Griechenland leben derzeit in Wohnungen oder Hotels. Ursprünglich angestrebt war eine Zahl von 20 000. Vitsas, der eine Arbeitsgruppe zum Thema Migration leitet, kündigte auch Schritte gegen die Überbelegung in den Flüchtlingslagern auf den griechischen Inseln an. Wer die erste Phase seines Asylantrags abgeschlossen habe, könne aufs Festland umziehen, sagte er.

Deutschland west mehr Menschen ab

Gleichzeitig wurde bekannt, dass an Deutschlands Außengrenzen immer mehr Menschen abgewiesen werden. Auch die Zahl der Abschiebungen stieg im ersten Halbjahr 2016 deutlich an, wie aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linken im Bundestag hervorgeht. „In Deutschland etabliert sich immer mehr eine menschenverachtende Abschiebepraxis“, kritisierte die innenpolitische Sprecherin der Linksfraktion, Ulla Jelpke. In den ersten sechs Monaten des Jahres wurde den Angaben zufolge 13.324 Menschen entweder an der Grenze oder an Flughäfen die Einreise in die Bundesrepublik verweigert. Im Gesamtjahr 2015 hatte es lediglich 8913 solcher Abweisungen gegeben, ein Jahr zuvor sogar nur 3612. Im September 2015 hatte die Bundesregierung auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise die Grenzkontrollen wieder eingeführt.

 

Hier geht es zur Seite Internationalen Organisation für Migration

Hier noch ein kurzer Video-Beitrag über die Arbeit des IOM.

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Ein Leben auf der Flucht

Der Bürgerkrieg in Syrien ist eine der größten Flüchtlingskatastrophen der Menschheit. Die Zahl der Menschen, die vor dem Konflikt in Syrien in die Nachbarländer geflohen sind, hat längst die Vier-Millionen-Marke überschritten. Damit ist der Konflikt in Syrien Ursache der größten Flüchtlingskrise unter UNHCR-Mandat seit einem Vierteljahrhundert.

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In einer Fotoreportage führen wir sie durch die Flüchtlingslager in Jordanien und im Libanon. 

Hier geht es zu der Fotoreportage

Keine Spur von Solidarität

Die EU will  das Problem der Flüchtlinge gemeinsam angehen. Doch beim Wiener Treffen der Balkanländer spricht die Innenministerin von Österreich von nationalen Notwendigkeiten. Die nicht eingeladene griechische Regierung wertet die Konferenz als feindselig – zu recht.

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Ein Zaun an der EU-Außengrenze

Ein Kommentar:

Die Flüchtlingskrise kann nur gemeinsam gelöst werden. Aus diesem Grund haben sich die EU-Staaten auf ihrem Gipfel-Treffen vor wenigen Tagen in Brüssel zum geschlossenen Handeln  bekannt. Doch kaum sind die Staats- und Regierungschefs in ihre Heimatländer zurückgekehrt, wollen sie von dieser Erklärung offenbar nichts mehr wissen. Die Suche nach einem Ausweg aus der Krise wird weiter durch nationale Alleingänge bestimmt, keine Spur von Solidarität. An dieser Tatsache kann auch der Titel der Westbalkankonferenz in Wien nichts ändern. Dort will man die „Migration gemeinsam bewältigen“, doch wie soll das funktionieren, wenn  wichtige Gesprächspartner nicht eingeladen sind: Griechenland, Deutschland und die EU-Kommission.

Die Stoßrichtung ist deutlich. Die sogenannte Balkanroute soll dicht gemacht und Griechenland mit dem entstehenden Rückstau an Flüchtlingen unter Druck gesetzt werden. Athen soll mehr für die Grenzsicherung zur Türkei zu tun. Mit Deutschland und der EU-Kommission gibt es derzeit ohnehin Krach, vor allem über die seit kurzem gültigen Kontingente für Flüchtlinge. Demokratie ist anstrengend, Solidarität bisweilen beschwerlich und Menschlichkeit nicht immer populär. Doch es sind die Grundpfeiler, auf denen Europa steht – in Wien war davon wenig zu sehen.

Osteuropa gegen Merkel

Die osteuropäischen Staaten Tschechien, Slowakei, Polen und Ungarn haben Zweifel geäußert, dass die Türkei und Griechenland den Flüchtlingsstrom in die EU eindämmen können. Deshalb hätten sie am Montag über einen Plan B gesprochen, um die Grenzen Mazedoniens und Bulgariens zu schützen, sagte der slowakische Ministerpräsident Robert Fico nach dem Treffen der sogenannten Visegrad-Staaten in Prag. „Wir verlassen uns darauf, dass der Aktionsplan zwischen der Europäischen Union und der Türkei funktioniert“, sagte er nach dem Gipfel. „Ich muss aber zugeben, dass ich ziemlich pessimistisch bin.“ 
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Ungarische Soldaten beim Bau des Zaunes an der Grenze

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Osteuropäer wollen verstärkte Grenzen

Die osteuropäischen Staaten der Visegrad-Gruppe wollen notfalls eine Abschottung der mazedonisch-griechischen Grenze, um Flüchtlinge abzuwehren. Dies läuft allerdings Plan A zuwider, den Bundeskanzlerin Angela Merkel durchsetzen will: die Stärkung der EU-Außengrenzen. Und diese beginnt weiter im Süden, nämlich an der türkisch-griechischen Grenze. Aus beiden Vorhaben ergeben sich Spannungen, die die kommenden Tagen prägen werden. Denn am Donnerstag prallen beide Konzepte auf dem EU-Gipfel aufeinander
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Als die Planungen der Polen, Tschechen, Ungarn und Slowaken bekannt wurden, schrillten in Berlin die Alarmglocken. Denn wenn die Osteuropäer zusammen mit Ländern wie Österreich oder Bulgarien die Südgrenze des Nicht-EU-Landes Mazedonien auch mit eigenen Soldaten dichtmachen würden, gäbe es nach Ansicht der Bundesregierung zwei Opfer. Zum einen wäre ihr eigener Ansatz untergraben, alles dafür zu tun, die Außengrenzen der EU zu schützen und in Italien und Griechenland funktionsfähige Verteilzentren für syrische Flüchtlinge einzurichten.
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Das zweite Opfer wäre Griechenland. Denn solange immer noch Tausende Flüchtlinge aus der Türkei in das Euro-Land kommen, diese aber nicht mehr weiter nach Norden reisen könnten, würde sich eine wachsende Zahl stauen. Das könnte das ohnehin angeschlagene Land ins Chaos stürzen. Davor hat Ministerpräsident Alexis Tsipras seine Partner bereits mit dramatischen Worten gewarnt. Das wollen Merkel und Außenminister Frank-Walter Steinmeier trotz allen Ärgers darüber, dass Griechenland Verpflichtungen als Schengen-Außenstaat nicht erfüllt, auf keinen Fall zulassen.
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Kampf der Konzepte

Steinmeier hat die deutschen Botschafter in den Visegrad-Ländern nach Angaben aus dem Auswärtigen Amt angewiesen, den dortigen Regierungen klipp und klar zu sagen, was man von einem osteuropäischen Sonderweg hält: nichts. Das ist schon ungewöhnlich genug für eine sonst sanfte deutsche Diplomatie. Aber es zeigt, was aus Sicht des Außenministeriums auf dem Spiel steht.
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Zudem haben Steinmeier und Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel allen sozialdemokratischen EU-Regierungschefs, Außenministern und Parteivorsitzenden einen Brandbrief geschrieben. Darin wird den Osteuropäern einerseits ein Angebot gemacht. „Wir sind bereit, zusätzliche Maßnahmen an den Binnengrenzen Europas zu ergreifen, die eine bessere Kontrolle und ein effektiveres Management der Flüchtlingsströme ermöglichen“, schreiben beide SPD-Politiker. Auch die EU-Kommission hat am Montag deutlich gemacht, dass sie Mazedonien weitere zehn Millionen Euro zur Verfügung stellt, um die Situation an der Grenze zu Griechenland zu verbessern.
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Brüssel und Berlin warnen

Andererseits warnen sowohl die Bundesregierung als auch die Kommission, dass sich nicht ein Trupp osteuropäischer Staaten allein auf den Weg machen sollte. „Für uns alle aber sollte dabei die unabdingbare Voraussetzung sein: Solche Maßnahmen müssen gemeinsam vereinbart werden, und sie dürfen nicht einseitig gegen einen Mitgliedsstaat gerichtet sein“, schreiben Steinmeier und Gabriel.
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Undiplomatisch ausgedrückt: Der Ärger ist groß, dass sich die Osteuropäer nicht nur bei der Aufnahme von Flüchtlingen verweigern, sondern auch einen anderen EU-Staat ins Chaos stürzen könnten. „Man kann nicht einfach Europas Außengrenzen neu definieren, und das noch über den Kopf betroffener Mitgliedstaaten hinweg“, warnen Steinmeier und Gabriel. Kanzlerin Merkel sieht dies nicht anders. Offen werfen die Sozialdemokraten den Osteuropäern vor, das Klima in der EU mit dem Vorschlag des Ausschlusses Griechenlands aus dem Schengen-Raum zu vergiften. Die vier Regierungen ließen die Lage am Montag bei ihrem Treffen in Prag zunächst nicht weiter eskalieren, sondern setzen auf die Zeit nach dem EU-Gipfel – und andere wichtige Verbündete.
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Seehofer springt Merkel bei

CSU-Chef Horst Seehofer etwa reagierte diplomatisch hart: Nun solle man Merkel erst einmal die Möglichkeit geben, auf dem EU-Gipfel zu versuchen, die Sicherung der Außengrenzen hinzubekommen, sagte er auf die Frage nach den Plänen der Visegrad-Staaten. Das klingt versöhnlich, bedeutet aber nur, dass Seehofer nach dem EU-Gipfel wieder nach dem Plan B rufen wird. Er selbst habe bereits mit allen osteuropäischen Regierungschefs gesprochen, sagte Seehofer.
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Genau das ist für Merkel Teil des Problems, weil es als Drohung verstanden wird. Seehofer wird sie sicher nicht ermutigt haben, ihr Vorhaben aufzugeben. Aber den offenen Konflikt mit der CSU scheut man weiter, weil es einer offen zerstrittenen Bundesregierung noch schwerer fallen dürfte, Solidarität in der EU zu organisieren.
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INFO: Das Visegrad-Bündnis

Das lose Kooperationsforum ist nach der ungarischen Stadt Visegrad benannt, wo es am 15. Februar 1991 von den Präsidenten Ungarns, Polens und der damaligen Tschechoslowakei, die 1993 in zwei Staaten zerfiel, gegründet wurde. Hauptziel war der gemeinsame Beitritt der Teilnehmerländer zur Europäischen Union. In der EU sollten dann gemeinsam Interessen durchgesetzt werden.

Im Jahr 2000 wurde das Forum durch seine bis heute einzige formelle Institution ergänzt, den Visegrad-Fonds mit Sitz im slowakischen Bratislava. Er fördert grenzüberschreitende Regionalprojekte und vergibt Stipendien. Das Bündnis funktioniert formlos.

Die Visegrad-Gruppe lebt von regelmäßigen Treffen ihrer Regierungschefs und Staatspräsidenten in dem Land, das gerade den Vorsitz innehat. Die jährlich wechselnde Präsidentschaft liegt bis Mitte 2016 bei Tschechien. Prag hat dafür das Motto „V4 Trust“ gewählt, also gemeinsames Vertrauen.

Der Kampf ums Geld für Syrien

Bei der Geberkonferenz für Syrien werden Milliardenzusagen gemacht. Doch wie viel von dem versprochenen Geld tatsächlich fließt, ist unklar. Erfahrungen aus dem Vorjahr stimmen skeptisch.

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Ein Junge verkauft Süßigkeiten in einem Flüchtlingscamp in Syrien

Auf internationale Hilfe angewiesen

Die Not in Syrien ist groß. Die Hilferufe aus der Region werden immer lauter. Nach fünf Jahren Bürgerkrieg sind über 20 Millionen Menschen auf internationale Unterstützung angewiesen – in und auch außerhalb Syriens. Die Vereinten Nationen und andere Hilfsorganisationen haben ziemlich genau ausgerechnet, welche Summe sie brauchen, um ihre Arbeit fortsetzen zu können: 7,7 Milliarden Dollar (rund 7 Milliarden Euro). Kaum jemand zweifelt daran, dass die Summe zusammengetragen wird. Der Grund: die Ausgangslage hat sich fundamental verändern. Der Krieg in Syrien flimmert längst nicht mehr nur über grausame Fernsehbilder in die heimischen Wohnzimmer, für die meisten Staaten in Europa ist er inzwischen zu einer Realität in ihren eigenen Städten geworden

Aber ein zentrales Problem bleibt: eine Zusage bedeutet nicht, dass das Geld am Ende auch tatsächlich überwiesen wird. Die Erfahrungen aus den Vorjahren sprechen eine sehr deutliche Sprache. Im vergangenen Jahr 2015 etwa, forderten die Hilfsorganisationen bei der Geberkonferenz für Syrien 8,4 Milliarden US-Dollar. Damals was der Druck durch die Flüchtlingsbewegung noch nicht so hoch, weshalb überhaupt nur 5,7 Milliarden zugesagt worden waren. Und von dieser Summe wurden mehr als 382 Millionen Dollar zwar versprochen, aber nicht gezahlt.

 

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Diese Grafik zeigt, welches Land 2015 wie viel Geld für die Syrien-Hilfe gegeben hat

Oxfam nennt die Namen der Drückeberger

Aus diesem Grund ist unter anderem die Hilfsorganisation Oxfam dazu übergegangen, die säumigen Länder deutlich beim Namen zu nennen. Die Hauptlast der Krise werde von ärmeren Ländern geschultert, heißt es da. Reiche Geberstaaten wie Katar, Saudi-Arabien und die USA hätten finanziell „nur einen Bruchteil dessen beigetragen, war ihrer wirtschaftlichen Leistungskraft entspricht“, prangert die Organisation in einer Studie an. Zu den wenigen positiven Ausnahmen zählten Deutschland, Norwegen und Kuwait, die „deutlich mehr als ihren ‚gerechten Anteil’ aufgewendet“ hätten. Reiche Staaten müssten sich endlich ihrer Verantwortung stellen und ihre Hilfe massiv aufstocken, fordert der Syrien-Experte von Oxfam Deutschland, Robert Lindner.

Ein zentrales Problem ist auch, dass viele Hilfsgelder zwar zugesagt, dann aber nur schleppend überwiesen werden. Ein Großteil des Geldes sei erst gegen Ende des Jahres eingegangen, beklagen die Vereinten Nationen. Finanzierungsengpässe könnten bisweilen nur durch Umschichtungen in den einzelnen Hilfsfonds überbrückt werden. Immerhin hätten sich die Geberländer im Großen und Ganzen dann doch noch an ihre Zusagen gehalten, sagt Jens Laerke vom UN OCHA, dem Büro, das die Hilfsmittel koordiniert. 90 Prozent des versprochenen Geldes sei schließlich überwiesen worden.

Oft wird das Geld nicht überwiesen

Für die Helfer ist es damit schwierig, ihr lebensrettendes Geschäft zu planen. Das kostet Zeit, Geld und im schlimmsten Fall Menschenleben. Dabei verfügen die UN über ein eigenes Kontrollsystem, das versprochene den geleisteten Hilfszahlungen gegenüberstellt. Doch die Daten sind nur zu einem gewissen Grad verlässlich, wie Jens Laerke einräumt. Denn das System beruht auf Freiwilligkeit. „Niemand zwingt irgendjemanden, Daten an uns weiterzugeben.“ Manche Zahlungen werden in der Öffentlichkeit und sehr medienwirksam angekündigt, aber das versprochene Geld wird nie überwiesen. „Nur weil jemand etwas bei einem öffentlichen Treffen verspricht, nehmen wir es noch nicht als Zusage in unser System auf“, sagt Laerke.

 

Späte Einsicht der „Süddeutschen Zeitung“

Über die brutalen Übergriffe in der Silvesternacht in Köln ist in den vergangenen Tagen sehr viel geschrieben worden. Im Fokus der Kritik stand auch die Berichterstattung: zu langsam, zu zurückhaltend, zu verständnisvoll, zu oberflächlich hätten die Medien reagiert. Selbst die „Süddeutsche Zeitung“ hat in diesen Tagen kräftig daneben gegriffen. 

 

Schwarze Hand zwischen weißen Beinen

Die Tageszeitung wird aber nicht für ihre Berichte kritisiert, sondern für eine Illustration in der Wochenendausgabe. Die Schwarz-Weiß-Grafik zeigt, wie eine schwarze Männerhand zwischen zwei weiße Frauenbeine greift.

In diesem Fall ist der optisch-künstlerischen Abteilung offensichtlich der Gaul durchgegangen – und keine der vielen Kontrollinstanzen hat eingegriffen. Niemandem scheint aufgefallen zu sein, dass die Illustration sexistisch und rassistisch ist.

Die Chefredaktion reagiert

Nun hat die Chefredadaktion reagiert und entschuldigt sich. „Wir bedauern, wenn wir durch die Illustration die Gefühle von Leserinnen und Lesern verletzt haben, und entschuldigen uns dafür“, schreibt Chefredakteur Wolfgang Krach in der Montagsausgabe und auf der Facebook-Seite der Zeitung.

Die Zeitung habe durch die Kombination aus dieser und einer zweiten Illustration, die eine Faust im Kopf zeigt, deutlich machen wollen, „dass sexuelle Gewalt gegen Frauen nicht nur aus physischen Übergriffen besteht, sondern meist im Kopf und im Denken beginnt“.

Krach distanzierte sich jetzt von dem Bild mit dem Griff zwischen die Beine, denn es bediene „stereotype Bilder vom ‚schwarzen Mann’, der einen ‚weißen Frauenkörper’ bedrängt“. Zudem könne es so verstanden werden, als „würden Frauen zum Körper verdinglicht und als habe sexuelle Gewalt mit Hautfarbe zu tun. Beides wollten wir nicht.“

Auch der „Focus“ greift daneben

Doch nicht nur die „Süddeutsche Zeitung“ hat mit ihrer Illustration viel Kritik geerntet. Auch bei den Machern des Titelbildes des Fokus haben wohl einige Männerfantasien Pate gestanden. Unter der Titelzeile „Frauen klagen an“ ist darauf eine nackte weiße Frau zu sehen, auf deren Körper mehrere schwarze Handabdrücke zu sehen sind.

Auch das Magazin sieht sich genötigt, zu reagieren – und verteidigt das Cover. In einer Stellungnahme auf Facebook heißt es, man habe sich entschieden, „symbolisch darzustellen, was in Köln geschah“. Und weiter: „Deshalb zeigen wir, stellvertretend für die vielen weiblichen Opfer, eine zum Sex-Objekt degradierte und entwürdigte Frau – die aber dennoch entschlossen ist, sich zu wehren.“ Auf einen Nutzerkommentar antwortete man: „Wir sehen auch keinen Grund, uns für unser Cover zu rechtfertigen.“

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Am Samstag äußerte sich Chefredakteur Ulrich Reitz auch im „Tagesspiegel“. „Wir bilden ab, was leider passiert ist“, wird Reitz dort zitiert. Wer behaupte, das Cover sei sexistisch und rassistisch, habe „Angst vor der Wahrheit“. Und die Kritiker hätten schlicht keine Ahnung, wie ein gutes Cover gemacht werde.

So kann man es natürlich auch sehen!