Corona: Polizisten räumen volle Seine-Quais in Paris

Viele fragen sich, weshalb in Paris die Corona-Infektionszahlen weiter ansteigen. Einen Teil der Antwort kann jedes Wochenende an den Quais der Seine oder den Parks beobachtet werden. Dort drängen sich Zehntausende Menschen, von denen sich die meisten nicht an die Corona-Abstandsregeln halten.

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Die französischen Départeents, die wegen der hohen Corona-Zahlen unter besonderer Beobachtung stehen.

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Die Sonne lockt die Menschen an die Seine

Am Nachmittag wird es der Polizei in Paris zu bunt. Wieder flanierten die Menschen in Massen bei schönem Wetter am Wochenende an den Ufern der Seine. Da sich die meisten Leute nicht an die Corona-Abstandsregeln halten, müssen sie die Seine-Quais in der französischen Hauptstadt verlassen. Die Zugänge zum Ufer werden nach der Räumung blockiert, so dass niemand mehr vor der ab 18 Uhr geltenden Ausgangssperre dorthin kann.

Bereits an den vorangegangenen Wochenenden hatten sich zehntausende Menschen bei strahlender Sonne auf den Seine-Quais gedrängt. Daraufhin wurde am Freitag ein Alkoholverbot für die Uferpromenanden verhängt, um den Andrang an diesem Wochenende zu begrenzen. Auch am Canal Saint-Martin, auf dem Place du Tertre nahe der Basilika Sacré-Coeur und an vielen weiteren Orten der Stadt ist das Trinken verboten. Doch auch wenn sich die meisten Menschen an das Alkoholverbot hielten, zog es sie dennoch an die Ufer der Seine oder die Parks und sonnigen Plätze in der Stadt.

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Hohe Infektionszahlen in Paris

Die Menschen scheint es nicht mehr zu beeindrucken, dass die Siebe-Tage-Inzidenz im Stadtzentrum von Paris weiter stabil über 320 liegt. In den berüchtigten Banlieue der Millionenstadt ist die Lage weit trister. Dort werden inzwischen Werte von rund 440 gemeldet. Ein zentraler Grund für die verheerende Lage in den Vororten ist die Lebenssituation: in den riesigen Trabantenstädten wohnen in den Plattenbauten dicht gedrängt sehr viele Menschen, darunter zahlreiche kinderreiche Familien, in sehr kleinen Wohnungen. Die meisten Leute arbeiten auf dem Bau, in Pflegeberufen, Supermärkten, bei Security-Firmen oder schlagen sich mit Gelegenheitsjobs durchs Leben – alles Berufe, in denen das von der Regierung geforderte Homeoffice nicht möglich ist. Das heißt: viele dieser Menschen pendeln jeden Tag mit den Nahverkehrsmitteln in die Stadt, was der Ausbreitung des Virus natürlich sehr förderlich ist.

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Natürlich stehen auch in Seine-Saint-Dénis die weißen Schnelltest-Zelte vor den Apotheken, in denen Schnellstests durchgeführt werden können. Die werden aber nur wenig genutzt. Allerdings wäre es nach Aussagen von Epidemiologen auch kaum möglich, bei solch hohen Infektionswerten und diesen Lebensbedingungen einzelne Corona-Cluster auszumachen und dann gezielt zu isolieren.

Der Norden Frankreich von Corona besonders betroffen

In anderen Regionen von Frankreich sind wegen der steigenden Corona-Zahlen am Samstag weitere örtliche Ausgangsbeschränkungen in Kraft getreten. Von den für das Wochenende geltenden Restriktionen betroffen sind nun auch rund 1,5 Millionen Bürger im nordfranzösischen Département Pas-de-Calais mit der Hafenstadt Calais. Sie dürfen ihre Häuser samstags und sonntags nur noch aus triftigem Grund verlassen, etwa zum Einkaufen oder Joggen. Auch sehr große Geschäfte müssen schließen. 

In der Region am Ärmelkanal breitet sich die zuerst in Großbritannien entdeckte Coronavirus-Variante B.1.1.7 rapide aus. Nach Angaben der Behörden sind die Krankenhäuser in der Region bereits zu 90 Prozent ausgelastet. Im benachbarten Dünkirchen und in Teilen der Côte d’Azur gelten bereits Ausgangssperren an Wochenenden. Zudem gilt landesweit in ganz Frankreich eine nächtliche Sperrstunde ab 18.00 Uhr.

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Das Problem: die britische Virus-Mutation

Die französische Regierung will auf die starke Ausbreitung der Mutante B.1.1.7 mit einer Beschleunigung der Impfkampagne reagieren. Bis Mitte April sollen ihren Plänen zufolge mindestens zehn Millionen Franzosen ihre erste Corona-Impfung erhalten haben, bis zum Sommer soll es 30 Millionen Erstgeimpfte geben. Stand Samstag hatten in Frankreich weniger als 3,4 Millionen Menschen eine erste Corona-Impfung erhalten.

Seit Beginn der Pandemie starben in Frankreich mindestens 88.300 Menschen an der durch das neuartige Coronavirus ausgelösten Krankheit Covid-19.

Pop-up-Attraktion in Paris: Hochwasser an der Seine

In Paris gibt es für die Corona-geplagten Einwohner im Moment eine neue Freizeitbeschäftigung: Hochwasser-Watching. Der Pegel der Seine ist in diesen Tagen stark angestiegen und liegt inzwischen bei vier Metern. Der Schiffsverkehr ist stark eingeschränkt.

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Die Uferstraße an der Seine ist in weiten Teilen nicht mehr zu passieren.

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Überschwemmung – aber noch keine Gefahr

Ein Spaziergang am Ufer der Seine entlang ist im Moment also nicht mehr möglich. Zwar versuchen immer wieder Radfahrer, Jogger und Spaziergänger, die Fluten zu umgehen, das ist etwa unter den Brücken nicht mehr möglich. Dort schwappt das braune Wasser bis an die Wand des Ufers. Inzwischen ist auch die Seine-Insel Île aux Cygnes nahe dem Eiffelturm gesperrt. Bekannt ist die Insel vor allem wegen des Standortes der Freiheitsstatue.

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Hoffen auf ein Ende des Regens

Nach Angaben der Stadt herrscht inzwischen die Warnstufe Gelb. Das entspreche einer Überschwemmungsgefahr und einem schnellen Anstieg des Wasserspiegels. Diese verursachten noch keine größeren Schäden, es sei aber Wachsamkeit geboten. In Paris hat es in den vergangenen Tagen immer wieder heftig geregnet. Die Hochwasserwerte waren allerdings noch weit entfernt von den 6,10 Metern von Juni 2016 oder sogar den 8,62 Metern von 1910. Auch 2018 trat die Seine über die Ufer, etliche ufernahe Wege und Straßen waren damals ebenfalls abgesperrt.

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Von Seiten der Stadt heißt es:

Ce niveau correspond à un risque de crue ou de montée rapide des eaux n’entraînant pas de dommages significatifs, mais nécessitant une vigilance particulière dans le cas d’activités saisonnières et/ou exposées.La Seine à Paris a connu une hausse en raison de la propagation de l’onde de crue venant notamment de la Marne ainsi que d’une succession de perturbations actives en fin de semaine dernière. Les niveaux seront en hausse à Paris dans les jours à venir avec pour lundi matin 01/02 déjà 4,09 m. Ce qui entraine les fermetures suivantes :

  • Rive droite tronçon Tuileries – Henri IV
  • Île au Cygnes
  • Voie Georges-Pompidou entre Bir Hakem et pont de Garigliano

Mit Stoik und Küchen-Philosophie gegen Corona

Viele der berühmten Buchhändler an der Seine leben schon jetzt am Existenzminimum, doch nun kämpfen sie auch noch mit den Folgen der Pandemie. Allerdings wollen sie sich nicht unterkriegen lassen – schließlich seien sie schon viele Jahrhunderte vor Ort.

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Marie-Christine Thieblemen ist eine von 227 Buchhändlerinnen entlang der Seine

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Ermüdendes Warten auf Kunden

Marie-Christine Thieblement ist müde vom Nichtstun. Seit dem Morgen sitzt die alte Dame am Quai des Grands Augustins in der milden Herbstsonne und wartet. „Ich verkaufe hier seit 30 Jahren Bücher, aber solch ein Elend habe ich noch nie erlebt“, sagt sie. „Es kommen nicht einmal Neugierige vorbei, um zu stöbern.“ Selbst zum Flanieren entlang der Seine sei den Menschen in diesen verrückten Zeiten nicht mehr zumute. „Und das in Paris, wo sich sonst das ganze Leben auf den Boulevards abspielt“, wundert sich Marie-Christine Thieblement und schüttelt den Kopf.

Die Frau ist eine von exakt 227 Bouquinistes, die in Paris entlang des Seineufers alte Bücher, Postkarten, Poster, Briefmarken und inzwischen vor allem auch allerlei Klimbim für die Touristen anbieten. Sind die großen grünen Boxen auf den Quai-Mauern rund um das Jahr ein Treffpunkt für Sammler und ein Muss für jeden Paris-Besucher, bietet sich in diesen Monaten ein äußerst trister Anblick. Die meisten Stände sind mit dicken Vorhängeschlössern verbarrikadiert. „Mal sehen, wie viele im Frühling wieder öffnen“, fragt sich Marie-Christine Thieblement und klagt im selben Atemzug über das hoffentlich bald zu Ende gehende „année blanche“ – das schwarze Jahr.

Den Bouquinistes fehlen die Touristen

Wegen der strengen Corona-Beschränkungen mussten alle Bouquinistes im März ihre kleinen Geschäfte schließen, doch als sie nach knapp zwei Monaten die typischen grünen Holzverschläge, die Boîtes, wieder öffneten, fehlten wegen der internationalen Reisebeschränkungen die Touristen in der Stadt. „Die machen inzwischen Zweidrittel des Umsatzes aus“, sagt Jérôme Callais, der einen Stand am Quai de Conti besitzt. Der 60-Jährige ist eines jener Originale der Szene, die sich mit einem wildfremden Menschen stundenlang über Gott und die Welt unterhalten können – und er ist Präsident und Gründungsmitglied der Bouquinistes-Vereinigung in Paris. Die Schwierigkeit sei, sagt er, dass sich viele seiner Kollegen schon vorher kaum über Wasser halten konnten und oft noch einen zweiten Job hatten, doch nun sei für manche die Schmerzgrenze erreicht.

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Die meisten Buchhändler an der Seine haben während der Pandemie ihre Läden geschlossen

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„Ich kann es mir nur erlauben hier zu sitzen, weil ich eine kleine Rente beziehe“, sagt Marie-Christine Thieblement, aber dass sie praktisch keine Einnahmen mehr aus dem Verkauf ihrer Kunstbücher hat, macht sich am Ende des Monats sehr schmerzlich bemerkbar. Ihr Problem ist, dass sie wegen ihrer Rente von ein paar Hundert Euro während der Corona-Pandemie keine Zuschüsse vom Staat bekomme, wie manche ihrer anderen Kollegen. Erst im Oktober hat die Regierung ein neues Programm zur Unterstützung kleiner Geschäfte aufgelegt, das einen Verdienstausfall von bis 1500 Euro pro Monat ausgleicht.

Eine jahrhundertealte Tradition in Paris

Die wenigen Bouquinistes, die im Moment noch auf den Quais an der Seine ausharren betonen, dass sie eigentlich keine Unterstützung vom Staat wollen, sie möchten einfach jeden Tag wieder ihre Klappen aufschließen und ihre Ware unter die Menschen bringen. Die Pandemie ist für diese Geringverdiener ein schwerer Schlag, doch keiner glaubt, dass das Ende ihrer Zunft gekommen sein könnte.

„Unsere Tradition reicht bis ins 16. Jahrhundert zurück”, sagt Jean-Pierre Mathias mit einigem Stolz in der Stimme und setzt sich auf eine Parkbank vor seiner Boîte am Quai de Conti. Das bedeutet, dass seine Ausführungen nun etwas länger dauern werden. Denn wie viele der Händler, besitzt auch er nicht nur eine profunde Kenntnis der Geschichte, sondern verfügt auch über die Gabe, dieses Wissen äußerst eloquent zu vermitteln. In den Anfangszeiten hätten sich die Buchhändler ihre Kisten noch vor den Bauch geschnallt und an der Pont Neuf auf Kunden gewartet – und das nicht immer zum Wohlwollen der Herrschenden, erzählt Jean-Pierre Mathias. Denn manche verteilten bisweilen auch revolutionäre Flugblätter unterm Volk. Unter Napoleon bekamen die Händler schließlich feste Plätze an den Quais der Seine zugewiesen, die schnell zu Anlaufpunkten für Studenten und Intellektuelle wurden.

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Jean-Pierre Mathias glaubt an die Zukunft seines Gewerbes

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Ein schützenswertes Kulturgut

Heute noch sind die meisten Bouquinistes sehr spezielle Menschen und oft auch wandelnde Enzyklopädien. Wer ein besonderes Buch sucht, eine Frage zu einem ausgefallenen Kinoplakat oder einer seltenen Postkarte hat, wird bisweilen entlang der Quais von einem Fachmann um anderen geschickt – aber am Ende auf jeden Fall fündig. Bouquinistes-Präsident Jérôme Callais hält seine Zunft sogar für ein schützenswertes Kulturgut und hat die Aufnahme der Antiquariate an der Seine auf die Unesco-Liste der Weltkulturerbe angeregt – bis jetzt wartet er allerdings vergeblich auf einen positiven Bescheid.

Anders als viele Gewerbe braucht sich diese verschworene Gemeinde keine Sorgen über den Nachwuchs zu machen. Die grünen Bücherkisten scheinen für viele noch immer eine magische Anziehungskraft zu haben. Immer wieder stoßen neue und junge Gesichter dazu, die dann auch das Angebot verändern. Neben antiquarischen Büchern und den unvermeidlichen Mona-Lisa-Kaffeetassen und Eiffelturm-Anhänger sind inzwischen auch Punk-Literatur oder moderne Comic-Ausgaben zu finden. Was alle Bouquinistes allerdings gemein haben, ist eine gewisse Stoik, die sich beim Warten auf Kunden bei Wind und Wetter über die Jahrzehnte offensichtlich unweigerlich ausbildet. So plädiert etwa Jean-Pierre Mathias dafür – er ist übrigens ein unübertroffener Fachmann in Sachen Werbe- und Kinoplakate – die Pandemie ruhig an sich vorbeigleiten zu lassen. „Es wird ein Impfstoff gefunden, die Menschen werden zurückkehren und diese ungute Zeit schnell wieder vergessen“, prophezeit der Mann, der seit 40 Jahren an der Seine Bücher verkauft. So sei das immer gewesen und so werde das auch jetzt wieder sein.