Die Tour de France wird verschoben – das ist zu wenig

Die Macher der Rundfahrt denken nur an ihre eigenen Interessen und ignorieren die Gefahren der Corona-Pandemie – ein Kommentar:

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20.04.16-tour

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Zur Vernunft gedrängt

Nun haben auch die Verantwortlichen der Tour de France ein Einsehen gezeigt – zumindest ein bisschen. Die legendäre Frankreich-Rundfahrt wird wegen der Corona-Krise nicht abgesagt, aber um rund zwei Monate verschoben. Von alleine kamen die Tour-Macher aber nicht auf die Idee. Der französische Präsident Emmanuel Macron musste eine gewisse Entscheidungshilfe leisten, denn er hat alle Großveranstaltungen bis Mitte Juli verboten.

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Schwerer Schlag für die Teams

Natürlich gibt es gute Gründe, die Tour gegen viele Widerstände starten zu lassen. Für die Fahrer ist es der Höhepunkt des Sportjahres, für die Fans ein wunderbares Spektakel und die Teams generieren den Großteil ihrer Werbeeinnahmen während der drei Tour-Wochen. Ohne die Frankreich-Rundfahrt stünden einige Mannschaften vor dem Aus. Doch das rechtfertigt nicht die Gefahren, die im Moment mit einem möglichen Start einhergehen.

Unverständliches Zögern

Das Zögern der Tour-Verantwortlichen ist aus diesem Grund völlig unverständlich und erinnert an die Zeit, als der Radsport durch mehrere Doping-Skandale erschüttert wurde. Selbst als die Beweise damals bereits erdrückend waren, versuchten viele, die Realität auszublenden am alten Trott festzuhalten. Der ganze Tross schien in einem hermetisch abgeriegelten Radkosmos und nach eigenen Regeln zu leben.

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Eine Atmosphäre der Ignoranz

An diesem Zustand scheint sich wenig geändert zu haben. Nur in einer Atmosphäre der Ignoranz kann man nun an der Vorstellung festhalten, in Zeiten einer lebensbedrohlichen Pandemie einen Tross von vielen Hundert Menschen einmal quer durch Frankreich jagen zu dürfen. Ähnlich weltfremd ist die Idee, die Tour ohne Zuschauer stattfinden zu lassen. Allein der Gedanke, die Fans auf einer Länge von weit über 3000 Kilometern von der Strecke wegzusperren, ist reichlich abstrus.

Sportlichen Mega-Ereignisse wie die Olympischen Spiele oder die Fußball-EM werden in diesem Jahr nicht stattfinden. Das waren sehr schmerzliche, aber auch klare und notwendige Entscheidungen. Die Verantwortlichen der Tour de France sollten sich ein Beispiel daran nehmen.

Frankreich trauert um den ewigen Zweiten

Die Rad-Ikone Raymond Poulidor ist im Alter von 83 Jahren gestorben. Sein großes Schicksal war es, niemals die Tour de France zu gewinnen.

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Dem Radrennfahrer Raymond Poulidor wurde eine seltene Ehre zuteil. Nach ihm ist der Poulidor-Effekt benannt, wenn ein Verlierer sympathischer wirkt als der Gewinner. Der Franzose, der sein Schicksal des ewigen Zweiten mit großem Humor getragen hat, ist nun im Alter von 83 Jahren in seinem Wohnort Saint-Léonard-de-Noblat im Südwesten Frankreichs gestorben. Der Radprofi genoss in seiner Heimat einen besonderen Status und wurde von allen nur liebevoll „Poupou“ genannt. „Seine Heldentaten, seine Eleganz, sein Mut werden in unseren Erinnerungen verankert bleiben“, schrieb Frankreichs Präsident Emmanuel Macron auf Twitter.

Ein Schicksal bewegt die Welt

Raymond Poulidors Schicksal bewegte die Radwelt, weil es dem sympathischen Ausnahmeathleten nie gelang, die Tour de France zu gewinnen. Er wurde drei Mal Zweiter und fünf Mal Dritter. Dafür gewann er in den 60er und 70er Jahren bei bekannten Radrennen wie Mailand-San Remo, Paris-Nizza und bei der Spanien-Rundfahrt. Er beendete seine Laufbahn, nachdem er 1976 im Alter von 40 Jahren Dritter bei der Tour de France geworden war.

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Fehlte der letzte Ehrgeiz?

„Vielleicht hat mir der letzte Ehrgeiz gefehlt, auch wenn ich bestimmt immer alles gegeben habe“, sagte Poulidor einmal. „Aber es hat mir auch gefallen, dass mich alle mochten. Die Fans und die anderen Fahrer.“ Wie populär der Ex-Rennfahrer noch immer war, zeigten etwa seine Auftritte am Rand von Radrennen, an denen sein Enkel, der Niederländer Mathieu van der Poel, am Start war, der ebenfalls eine erfolgversprechende Karriere vor sich hat. Wenn Raymond Poulidor auftauchte, wurde er umlagert von Fans, die nach Autogrammen fragten. Van der Poel verbreitete am Mittwoch auf Instagram ein Foto, das ihn an der Seite seines Großvaters zeigt. „Immer so stolz“, schrieb der 24-Jährige und fügte ein gebrochenes Herz hinzu.

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Eddy Merckx rühmt den Konkurrenten

Rad-Insider rätselten schon seit einigen Wochen über den Gesundheitszustand von Raymond Poulidor. Nun hieß es, er sei bereits Anfang Oktober wegen „großer Müdigkeit“ ins Krankenhaus eingeliefert worden, sein Zustand verschlechterte sich, die Klinik konnte er nicht mehr verlassen. „Er ist an diesem Morgen von uns gegangen“, sagte Gisele Poulidor am Mittwoch. Auch sein größter sportlicher Konkurrent zeigte sich bestürzt. Der Tod Raymond Poulidors sei „ein großer Verlust, ein großer Freund, der geht“, sagte Eddy Merckx.