Xenia Sobtschak plant den großen Sprung

Die Frau hat einen langfristigen Plan. Und dazu gehört sicher nicht, Präsidentin von Russland zu werden – vorerst. Wenige Tage vor der Präsidentschaftswahl hat Kandidatin Xenia Sobtschak die Gründung einer neuen Partei angekündigt. Gemeinsam mit dem Ex-Dumaabgeordneten Dmitri Gudkow wolle sie so die zersplitterte liberale Opposition einen, sagte die 36-Jährige bei einem Wahlkampfauftritt in Moskau.

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„Wir sind jung und frei“

Xenia Sobtschak präsentiert sich vor allem als neues Gesicht, das sich wohltuend gegen die alte Garde abhebt. „Wir sind jung und frei. Wir wollen Veränderung, deshalb haben wir uns entschieden zusammenzuarbeiten“, sagte sie. Die Partei soll in den kommenden Monaten gegründet werden. Hauptziel der sogenannten Veränderungspartei sei der Einzug ins russische Parlament bei der nächsten Duma-Wahl 2021. Im aktuellen Wahlkampf liegt die Journalistin Sobtschak  staatlichen Umfragen zufolge bei zwei Prozent.

Zusammenarbeit mit Nawalny

Um ihr Ziel zu erreichen, hegen die beiden einen ziemlich verwegenen Plan. Man wolle dabei auch mit dem Kremlkritiker Alexej Nawalny zusammenarbeiten, wenn dieser dazu bereit sei, sagte Gudkow. Damit wollen sie die Kraft der zersplitterten liberalen Opposition in Russland bündeln. Deren Vertreter scheiterten 2016 allesamt an der Fünf-Prozent-Hürde.

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Auch im russisch-britischen Streit um den Giftanschlag auf den Ex-Doppelagenten Sergej Skripal beziegt Sobtschak eine dezidierte Position. Sie ist für Sanktionen gegen die Eliten in Russland. „Sollte Moskau hinter dem Nervengift-Anschlag stecken, sind neue Sanktionen des Westens unausweichlich“, sagte die russische TV-Ikone der „Bild“-Zeitung.

Für Sanktionen gegen Russland

Demnach sprach sich Sobtschak aber für Strafmaßnahmen aus, die sich gezielt gegen Freunde von Staatschef Wladimir Putin und korrupte Eliten richten. Auch Konzerne wie die Energieriesen Rosneft oder Gazprom müssten ins Visier genommen werden. „Die Sanktionen, die nur wieder das einfache russische Volk treffen, darf es nicht geben. Diese müssten im Gegenzug zur Verschärfung des Vorgehens gegen die Putin-Eliten gelockert werden“, forderte Sobtschak.

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Tochter von Putins Mentor

Die 36-Jährige ist in Russland mit Reality-TV-Shows ein Star geworden. Seit einigen Jahren arbeitet sie als Journalistin für den kremlkritischen TV-Sender Doschd. Ihr Vater Anatoli Sobtschak war in den 1990er Jahren Bürgermeister von St. Petersburg und gilt als Putins politischer Mentor.

Im Wahlkampf fordert Sobtschak mehr Pluralismus. Anders als die russische Elite bezeichnet sie die Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim 2014 als Völkerrechtsbruch. Schon früher hatte sie in diesem Zusammenhang gesagt, Russland sei selbst schuld an den westlichen Strafmaßnahmen.

Viele Russen halten allerdings wenig von ihr. Manche verschreien sie als die „Dagegen-Tante“, andere sehen in ihr eine Marionette des Kremls, wieder andere können sie schlicht nicht ernst nehmen. Die Gründe dafür haben mit ihrer Vergangenheit als schriller TV-Star zu tun und mit ihrem Namen.

 

Die Sobtschak-Show in Russland

Diese Frau ist schon vieles gewesen. Tochter, IT-Girl, Model, Schauspielerin, Moderatorin – und nun Kandidatin. Xenia Sobtschak will bei der Präsidentenwahl gegen Wladimir Putin antreten.

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Sotschak ist ein Show-Girl

Auf jeden Fall weiß sie, wie man Aufsehen erregt. Für ihre erste Pressekonferenz interessierten sich auffallend viele Medienvertreter. Der Staatssender RT wie auch der kremlnahe Sender Life übertragen ihre Pressekonferenz im Internet live. Über so viel Aufmerksamkeit könnte sich etwa der Oppositionskandidat Alexej Nawalny freuen. Er wird von den staatlichen und staatsnahen Medien ignoriert, außer sie berichten über angebliche Skandale des Mannes.

Allein der große Aufmarsch bei diesem Auftritt legt die Vermutung nahe, dass es sich bei Sobtschak vor allem um eine Alibi-Kandidatin handelt. Jemand, der einer vorher genau orchestrierten Wahl den notwendigen demokratischen Anstrich verleiht. Sobtschak, weit weniger gefährlich als Alexej Nawalny, der zu Massenprotesten aufruft, passt da gut ins Bild. Sie ist bestens in der russischen Elite vernetzt, 95 Prozent der Russen haben schon mal von ihr gehört.
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Gut vernetzt im System

Die junge Frau, die sich selbst selbstbewusst als Demokratin bezeichnet, ist auch bestens vernetzt im System. Den Präsidenten kennt sie seit ihrer Kindheit. Ihr Vater, Sankt Petersburgs ehemaliger Bürgermeister Anatoli Sobtschak, machte Putin in den Neunzigerjahren zu seinem Stellvertreter. Das hat Auswirkungen bis zum Auftreten der Tochter. Die vermeidet es, den heutigen Präsidenten zu kritisieren: „Natürlich ist Putin für einige ein Tyrann und Diktator. Andere sehen ihn als Russlands Bewahrer. Ich bin in einer schwierigen Situation, Putin hat meinem Vater geholfen, ihm praktisch das Leben gerettet.“

Griffig ist auch der Slogan, mit dem Sobtschak in den Ring steigt: „Gegen alle“. Sie wolle all jenen eine Stimme geben, die Putin satt haben. Und natürlich ist sie gegen die grassierende Korruption im Land, unter dem die normalen Russen jeden Tag laut stöhnen.
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Das Programm bleibt unklar

Doch neben diesen eher wolkigen Ankündigungen bleibt ihr Programm eher inhaltsleer. In einem Artikel in der Zeitung „Wedomosti“ hat sie zwar viel geschrieben – ohne jedoch wirklich konkret zu werden. Zu lesen ist dort, dass sie unter anderem für die Freiheit der Unternehmer und gegen Internetüberwachung sei. Auch das sind Punkte, die viele Russen ohne Probleme unterschreiben können. An einer Stelle wird sie allerdings sehr deutlich – im Gegensatz etwa zu Nawalny: „Nach internationalem Recht gehört die Krim zur Ukraine. Punkt.“
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Aber noch steht hinter Sobtschaks Kandidatur ein großes Fragezeichen. Mindestens 300.000 Unterschriften muss sie noch sammeln. Das scheint wenig, doch gibt es ein formales Problem:  je Region dürften nicht mehr als 7500 Unterschriften eingereicht werden. Das heißt, dass sie in mindestens 40 Regionen Unterschriften zusammenbekommen muss.