Holocaust-Mahnmal neben Höcke-Haus

Das Künstlerkollektiv „Zentrum für politische Schönheit“ (ZPS) sorgt wieder einmal für Aufregung. Der Grund:  Auf einem Nachbargrundstück des Thüringer AfD-Chefs Björn Höcke hat das Kollektiv das Berliner Holocaust-Mahnmal nachempfunden.

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17.11.22-höcke mahnmal

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Protest gegen Höckes Rede

Aus Protest gegen eine umstrittene Rede Höckes in Dresden über den Massenmord an den europäischen Juden stellten ZPS-Aktivisten nach eigenen Angaben 24 Betonstelen in Sichtweite von Höckes Haus im thüringischen Bornhagen auf. „Wir wollen und können die grotesken Forderungen zur Geschichtspolitik nicht auf sich beruhen lassen“, erklärte der künstlerische Leiter Philipp Ruch. Eine Polizeisprecherin bestätigte, dass es sich um Höckes Wohnhaus handelt.

Die provokative Künstlergruppe forderte Höcke dazu auf, vor dem Denkmal in Berlin oder dem Nachbau in Bornhagen auf die Knie zu fallen und um Vergebung für die deutschen Verbrechen des Zweiten Weltkriegs zu bitten.

Das Video läuft übrigens nur auf Vimeo, da Youtube den Account der Aktivisten gelöscht hat. Oups! Und nun ist auch dieses Video gelöscht!
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Bau das Holocaust-Mahnmal vor Höckes Haus! from Zentrum für Politische Schönheit on Vimeo.

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„Das ist eine wunderbare Idee“

Die Mitinitiatorin des Berliner Holocaust-Mahnmals, Lea Rosh, begrüßte den Nachbau des Denkmals. „Das ist eine wunderbare Idee“. Die Aktion so kurz vor der Weihnachtszeit sei eine „herrliche Bestrafung“ für Höcke. So müsse er vor seinem Haus den Nachbau des Denkmals für die ermordeten Juden Europas erdulden. Ein Kreis um Rosh und den Historiker Eberhard Jäckel (1929-2017) hatte den Bau des Mahnmals angeregt. Das Denkmal mit 2711 Betonstelen war 2005 eröffnet worden. Die Mahnmal-Stiftung in Berlin wollte sich zu der Aktion auf Anfrage nicht äußern.

Björn Höcke – der AfD-Rechtsaußen

Höcke gilt als Rechtsaußen der AfD und hatte Anfang des Jahres in seiner Rede in Dresden unter anderem mit Blick auf das Holocaust-Mahnmal gesagt: „Wir Deutschen, also unser Volk, sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat.“

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Bekannt für seine Provokationen

Das „Zentrum für politische Schönheit“ ist bekannt für seine oft umstrittenen Inszenierungen. 2014 montierten die Aktivisten aus Protest gegen die EU-Flüchtlingspolitik 14 Gedenkkreuze für Maueropfer am Spreeufer ab, später brachten sie sie wieder zurück. Für eine fingierte Hilfsaktion zugunsten von Kindern aus Syrien fälschten sie eine Homepage des Familienministeriums. 2016 hielten sie über zwei Wochen vier lebende Tiger in einem großen Käfig vor dem Maxim-Gorki-Theater und kündigten mehrfach an, Flüchtlinge würden sich öffentlich „zerfleischen“ lassen.

Und hier geht es zum Live-Stream der Aktion:

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Nachtrag zum „Mahnmal“ vor Höckes Haus:

Offensichtlich haben sich einige Wutbürger versammelt, um ihre Meinung zur Aktion kundzutun. Die Thüringer Polizei, der immer wieder vorgeworfen wird, gegen rechte Ausschreitungen nicht entschieden genug vorzugehen, scheint sich eher zurückzuhalten.

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Hier noch eine Info via Twitter, dass der Livestream auf Yotube wieder abrufbar ist. Das hat das ZPS mitgeteilt.

Die AfD verurteilt die Aktion

AfD-Landessprecher Stefan Möller wirft dem ZPS psychologische Kriegsführung gegen Höcke und dessen Familie vor. Höckes Familie sei monatelang nachgestellt, ausgespäht und fotografiert worden. Höcke ist verheiratet und hat vier Kinder. „Wie wollen Sie die Angst dieser Kinder wieder einfangen“, sagte Möller.

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Der AfD-Bundesvorsitzende Jörg Meuthen sagte: „Es ist widerwärtig, dass so etwas in Deutschland überhaupt möglich sein kann.“ Seine Partei werde alles daran setzen, „dass diese sogenannten Künstler zur Rechenschaft gezogen werden“. Alexander Gauland, Vorsitzender der Bundestagsfraktion, sagte: „Dieser Vorfall zeigt, dass der politische Umgang in Deutschland auf einem Tiefpunkt angelangt ist. Es ist unfassbar, wie menschenverachtend und skrupellos diese Leute vorgehen.“
Der AfD-Bundesvorstand verurteilte die Aktion „unter dem Deckmantel der Kunstfreiheit“ ebenfalls. „Tatsächlich handelt es sich um einen Angriff auf die Menschenwürde und den offenkundigen Versuch, die private Existenz einer Familie zu zerstören.“, hieß es in einer am Abend verbreiteten Erklärung.
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Nachtrag 23.11.2017

Im Zuge der Mahnmal-Aktion des Künstlerkollektivs gegen Björn Höcke hat Thüringens Landtagspräsident Christian Carius ein Ende der mutmaßlichen Beobachtung des AfD-Politikers gefordert. Er habe Innenminister Georg Maier (SPD) in einem Telefonat aufgefordert, dagegen einzuschreiten, sagte Carius am Donnerstag. Zudem müsse Maier Ermittlungen gegen die Macher der Kunstaktion einleiten.
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Nachtrag 24.11.2017

Das von Künstlern nachgebaute Holocaust-Mahnmal neben dem Wohnhaus des Thüringer AfD-Chefs Björn Höcke in Eichsfeld ist vorerst nicht mehr öffentlich zugänglich. Polizeischutz und Sicherheitslage vor Ort seien nicht ausreichend, sagte eine Sprecherin der Künstlergruppe „Zentrum für politische Schönheit“ (ZPS). Es habe zahlreiche Morddrohungen gegeben.

Schon zu Beginn der Kunstaktion im thüringischen Wohnort Höckes am Mittwoch war es laut Polizei bei Protesten von Bürgern und AfD-Anhängern zu einem Handgemenge an dem Grundstück gekommen. Die ZPS-Sprecherin sprach von einem „braunen Mob“. Sie hoffe aber, dass das Mahnmal ab kommender Woche öffentlich zugänglich sein wird.

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Der künstlerische Leiter des ZPS, Philipp Ruch, kritisierte den Polizeischutz als vollkommen unzureichend. „Wir sind am Tag drei der Aktion und haben noch keinen Ansprechpartner bei der Polizei“, sagte Ruch dem epd. So gebe es von Seiten der Polizei auch keine Informationen über die Bedrohungslage. Als Begründung habe die Polizei mitgeteilt, es werde gegen Mitarbeiter des ZPS wegen einer Strafanzeige ermittelt. Ruch erklärte dazu: „Wir wissen nichts von einer Strafanzeige.“ Das ZPS habe aber seinerseits nun beim Landeskriminalamt Berlin wegen Todesdrohungen Strafanzeige gestellt.
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Nachtrag 26.11.2017

Wegen eines Nachbaus des Berliner Holocaust-Mahnmals in Björn Höckes Nachbargarten hat der thüringische AfD-Chef die verantwortliche Künstlergruppe als „terroristische Vereinigung“ bezeichnet. „Wer so etwas tut, ist in meinen Augen ein Terrorist“, sagte Höcke laut „Leipziger Volkszeitung“ am Sonntag auf einer Konferenz des rechten „Compact“-Magazins in Leipzig. Die Künstler vom „Zentrum für politische Schönheit“ (ZPS) kündigten demnach an, nicht gegen Höckes Aussagen vorgehen zu wollen.
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Nachtrag 27.11.2017

Das Schauspiel nimmt seinen Lauf – doch die Berichte über die Aktion sind eher verwirrend.
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Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft Mühlhausen gegen das Künstlerkollektiv „Zentrum für politische Schönheit“ (ZPS). Es bestehe der Anfangsverdacht auf versuchte Nötigung, sagte Behördensprecher Dirk Germerodt am Montag. Es gehe um die ZPS-Aufforderung an den Politiker, vor dem Holocaust-Denkmal in Berlin oder vor dem Nachbau auf einem Nachbargrundstück Höckes auf Knien um Vergebung für die deutschen Verbrechen des Zweiten Weltkriegs zu bitten – anderenfalls würden in der Vergangenheit über Höcke gesammelte Informationen veröffentlicht. Der Staatsanwaltschaft liegt eine Strafanzeige gegen die ZPS-Aktivisten vor. Diese wurde nicht von Höcke erstattet, wie Germerodt sagte.
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Allerdings – und das sei zur Vollständigkeit erwähnt – nicht alle sind für die Aktion. Es gibt auch Gegenstimmen.  An dieser Stelle sei eine zitiert:
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Allerdings gibt es auch Menschen, die die Aktion des Zentrums nicht gut finden und gute  Argumente vorbringen. Wie hier Liane Bednarz, die sich seit Jahren im Kampf gegen die Rechten abarbeitet. Sie moniert, dass an Linke und Rechte nicht immer dieselben Maßstäbe angelegt werden.
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Nachtrag 28.11.2017

Auf der Seite http://www.landolf-ladig.de, die das ZPS im Impressum führt, fand sich am Dienstag ein Foto Höckes mit dem Kommentar „Landolf Ladig, MdL“. Daneben steht „NPD. National. Pflegeleicht. Deutsch.“ und „Jetzt für das Vaterland“ geschrieben. Die ZPS-Sprecherin erklärte, Höcke habe unter dem Pseudonym Landolf Ladig mehrfach rechtsextreme Texte veröffentlicht.
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Gegen Mittag haben sie am Dienstag das „Mahnmal“ wieder für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Am Montag hatte die Gruppe mitgeteilt, dass eine der Stelen des Mahnmals „vom Nachbargrundstück aus“ beschädigt worden sei. Eine Polizeisprecherin hatte den Eingang einer entsprechenden Anzeige bestätigt. Es seien Ermittlungen wegen Sachbeschädigung aufgenommen worden, bestätigte sie dem Evangelischen Pressedienst.
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Und auch der Live-Feed ist wieder freigeschaltet. Das Ansehen hat etwas sehr Meditatives, denn die allermeiste Zeit passiert: nichts!
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Und nun die Wahrheit: Björn Höcke wurde nie überwacht. Die Ausschnitte, die vom ZPS gezeigt worden waren, sind alle auf dem freien Markt zugänglich. Die ganze Aufregung also umsonst?
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Nicht alle wollen den Behauptungen glauben. In den Reihen der AfD wird sich weiter skandalisiert.

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Die Nachricht der Aktion gegen Björn Höcke ist bereits in Israel angekommen und hat es dort in die Nachrichten geschafft.
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Die Toten kommen!

Die Berliner Künstlergruppe „Zentrum für politische Schönheit“ will nach eigenen Angaben im Mittelmeer ertrunkene Flüchtlinge in der Bundeshauptstadt bestatten. Die sterblichen Überreste der Toten sollen am Dienstag (16. Juni) auf dem Muslimischen Friedhof Berlin-Gatow beerdigt werden, kündigte die Künstlergruppe in Berlin an. Am Sonntag (21. Juni) sollen zudem vor dem Kanzleramt die Grundsteine für einen neuen Flüchtlings-Gedenkfriedhof aufgestemmt werden. Mit beiden Aktionen will die Künstlergruppe gegen die europäische Flüchtlingspolitik protestieren.

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Die Aktion der Gruppe führt zu teilweise sehr hefig geführten Diskussionen. Hier der lesenswerte Beitrag von Katja Bauer zu dem Thema. Sie ist Berlin-Korrespondentin der Stuttgarter Zeitung. 

Darf man zehn tote Menschen aus der sizilianischen Erde ausgraben,  durch Europa nach Berlin karren  und  einige zum Zweck einer  Demonstration vor dem Kanzleramt aufbahren? Darf man Leichen für einen politischen Protest benutzen? Darf man das Leid der Hinterbliebenen auf diese Weise ausbeuten, darf man sich anmaßen, diese allerletzten Dinge als künstlerisches Happening zu benutzen – und sei der Zweck auch noch so legitim?

„Zentrum für politische Schönheit“

Die  Berliner Aktionskünstlergruppe, die sich  „Zentrum für politische Schönheit“ nennt und die es in den vergangenen Jahren mit ihrem  Protest gegen die Flüchtlingspolitik der EU zu einiger Berühmtheit gebracht hat, tut genau dies  nach eigenen Angaben seit Montag.  Zehn Menschen, die auf der Flucht nach Europa im Mittelmeer ertranken, wurden mit Billigung der Angehörigen exhumiert.  Am Dienstag soll der Leib einer Syrerin  auf einem muslimischen Friedhof in Berlin – O-Ton: der Stadt „ihrer bürokratischen Mörder“ – bestattet werden. Die Mutter und ihr zweijähriges Kind seien Anfang März auf einem Schiff nach Italien unterwegs gewesen, der Körper des Kindes ist verschollen. Das Schiff kenterte  im Mittelmeer. Rund 40 Flüchtlinge seien an Bord gewesen, viele seien dabei ertrunken. Dramaturgisch effektiv will man dann die Woche über weitere – noch geheim gehaltene – Beerdigungen abhalten. Der radikale Protest soll am Sonntag in  einer Demonstration vor dem Kanzleramt kulminieren, bei der weitere Tote aufgebahrt werden und ein temporäres Denkmal entsteht, dessen Simulation auf der Website der Aktionskünstler auffällig an das Holocaustmahnmal erinnert. Im Internet wird parallel per crowdfunding Geld für die Überführungen und Bestattungen der Leichen  gesammelt, man kann T-Shirts oder Plakate bestellen und kaufen.

Eine Aktion, die Populismus verströmt

Ist das alles geschmacklos? Mein erster Reflex war ein heftiger Widerwille  gegen den Populismus, den die Aktion verströmt – mitsamt der unerträglichen und  grundfalschen Anlehnung an den Holocaust, mit der groupiehaften Untestützerszene im Internet, die alles  haltlos bejubelt.  Weil sich hier Leute so sehr auf der richtigen Seite wähnen, dass sie sich jede Anmaßung zutrauen und in 140 Zeichen auf Twitter die ganze Welt erklären. Weil die Aktion zwar sehr  ausgeklügelt wirkt und die Angehörigen der Opfer beteiligt wurden – aber niemand seriös abschätzen kann, welche Traumata der initiierte  öffentliche Prozess   bei   Hinterbliebenen auslöst, was er ihnen  damit antun wird und wo diese Geschichte für den Einzelnen endet, wenn der ganze Rummel vorüber ist.  Weil das Handeln der Künstler zwar radikal ist, aber trotzdem kein winziges Bisschen dazu beiträgt, dass Europa einer Lösung der Flüchtlingsfrage näher kommt.

Dutzende von Leichen

Aber dann kam da dieser Würgereiz – bei Ansehen des Videos, das die Künstler gedreht haben: von Dutzenden Leichen, die so rumliegen. Namenlos in Plastiktüten, in Kühlkammern, in Hallen oder unter irgendeiner Erde, simultan von christlichen Pfarrern und muslimischen Imamen bestattet. Die Frau aus Syrien zum Beispiel, so sagen es die Künstler, ist so eine Tote. Niemand kannte sie, niemand bemühte sich, ihr einen Namen zu geben. Die Gruppe fand ihre Identität heraus. Ihr Mann und die anderen Kinder der Frau hätten überlebt.

Wie weit muss Protest gehen, damit er aufrührt?

„Unbekannte Nummer zwei“ wird nun an diesem Dienstag in Berlin bestattet. Die Aktivisten wollen den Toten die Würde zurückgeben, die ihnen genommen wurde. Wer kann das falsch finden? Die  Aktionskünstler eskalieren ihre Proteste immer mehr.  2013 erfanden sie Flüchtlingskinder, die vom Familienministerium vermittelt werden sollten. 2014 stahlen sie die Mauerkreuze und entführten sie an die EU-Grenzen. Nun kommen die Toten. Was darf   Kunst, die politisch ist und radikal? Vielleicht muss man die Frage  andersherum stellen: Wie weit muss eine Provokation gehen, damit sie die  nötige Aufmerksamkeit erreicht? Die Aktion „Die Toten kommen“ lenkt den Blick darauf, wie pietätlos die Europäische Union mit den Menschen umgeht, die an den tödlichen Außengrenzen sterben, weil sich das reiche Europa abschottet. Sie wirft die Frage auf, was eigentlich aus diesen tausenden Leichen wird, bei denen es sich um  Menschen handelt, die von anderen Menschen betrauert werden. Sie erinnert uns an das, was wir gern vergessen: dass hier unendliches Leid entsteht, weil wir in Ruhe gelassen werden wollen.

Wann ist Kunst explosiv

Wir sind gewöhnt an die Unerträglichkeit der Flüchtlingsfrage, ans kurze Aufregen und ans Wegsehen. „Wir machen Stress. Wir sammeln keine harmlosen Unterschriften“, sagt er „Eskalationsbeauftragte“ des Kollektivs. Hätten sich zum selben Thema dieselben  paar Leute  samstagmorgens mit einem empörten Transparent vors Brandenburger Tor gestellt, sie wären nicht mal bemerkt worden.   Kunst  ist dann explosiv, wenn sie   uns und unsere Wahrnehmung vorführt.  Ob man diese jüngste Aktion auf der Skala der eigenen Erregung als  gelungen, grenzwertig oder geschmacklos einordnen wird, ist vielleicht nicht das Entscheidende. Es sagt dagegen viel  über unser Dasein in unserer sedierten Wohlstandsrealität, dass  die Mittel, derer sich die Aktionskünstler  bedienen, immer schriller werden. Was brauchen wir als nächstes um aufzuhorchen?

Das ist der Facebook-Link zum Zentrum für politische Schönheit

Das ist der Link zum Bericht über die Aktion „Die Toten kommen“ 

Das ist der Link zur Kolumne in der Stuttgarter Zeitung